Peter Weiermair

Überlegungen zu den Arbeiten von Maria Vill

 

Maria Vills Werke, Zeichnungen und Malereien, ja manchmal auch Reliefs sind, wenn man sie auf dem Hintergrund der Kunstgeschichte des XX. Jahrhunderts sieht, nicht voraussetzungslos.Ihre ersten, ihre Arbeit auslösenden und viele folgenden Anregungen erfuhr sie während ihrer Aufenthalte in Amsterdam, wo sie sowohl mit der Malerei zu Beginn des XX. Jahrhunderts konfrontiert wurde, den Bewegungen des Konstruktivismus, Dadaismus und Futurismus wie der späteren, nach 1945 realisierten monochromen Malerei der Amerikaner von Ryman bis Marden. In den revolutionären Ansätzen zu Beginn des Jahrhunderts registrierte die Künstlerin Elemente der schriftlichen Sprache in einer lediglich semiotischen, nicht literarischen oder semantischen Form als Bestandteil des Bildes. Das Zeichen als konstruktive Form wurde von nun an für sie wesentlich. In den Arbeiten einer monochromen Malerei, insbesondere der von Robert Ryman entdeckte sie das Wesen der Nichtfarbe Weiß.

In der Folge entschied sie sich für drei Konstanten ihrer zukünftigen ästhetischen Forschung. Zum einen wählte sie das Quadrat als ausgeglichenes und harmonisches, regelmäßiges Format, wobei sie mit unterschiedlichen Größen operiert. Zweitens wurde die Farbe Weiß, geschrieben oder gemalt, ausschließliche Farbe in ihrer Produktion. Dazu kam der Vokal „A“ als ständiges, konstruktives Element, welches manchmal prominent und raumfüllend in den Vordergrund tritt, dann jedoch auch bis zur Nichtidentifizierbarkeit zu verschwinden droht.

Sie hat sich extreme Einschränkungen auferlegt und wie in der Musik, Bach gehört zu ihren Lieblingskomponisten, erreicht sie trotzdem erstaunliche Differenzierungen und eine große Breite von Variationen. Nicht ohne Grund erwähne ich hier Bach, denn ihre Vorgangsweise erinnert an die Praxis der musikalischen Komposition.

Die Werke erscheinen uns als Serie, wobei die verschiedenen, einzelnen Arbeiten jeweils aus den hervorgehenden zu entstehen scheinen. Es handelt sich jedoch jeweils um unterschiedliche, autonome, für sich stehende und von vorhergehenden und nachfolgenden Werken unabhängige Gebilde. Die Künstlerin bedient sich einer Reihe von Techniken, die vom Einsatz der Kombination von Bleistift und Ölkreide, von Silberstift zu Malerei mit Öl und Acryl bis hin zu Collagetechniken mit Plexiglas und Klebeband führen.

Maria Vill erprobt die unterschiedlichsten Ausdrucksqualitäten der malerischen und zeichnerischen Medien, wobei ihr Werk dabei ein breites Spektrum emotionaler Stimmungen und rationaler Reflexionen dokumentiert, Irritation gleichermaßen vermittelt wie Harmoniebedürfnis, einmal ernst und dann wieder heiter erscheint. Der Klang des einmal gewählten Vokals „A“, einer ausgeglichenen, harmonischen Form, wollte man ihn mit den anderen Vokalen vergleichen, bleibt im Ohr.

Der Reichtum dieses Werk, den wir registrieren, rührt paradoxerweise von den Beschränkungen her, die sich die Künstlerin auferlegt. Über eine Reihe von Jahren hinweg hat sie mit großer Konsequenz für sich eine eigene Sprache entwickelt, welche ihre Arbeit unverwechselhaft erscheinen lässt.

 

Heinz Gappmayr:

Zeichnungen

Die Zeichnungen von Maria Vill sind nicht Skizzen oder Vorstufen für ihre Acrylbilder, sondern eigenständige Werke, Resultate ihres Bestrebens nach einer optimalen Reduktion der Mittel. Sichtbar werden dabei neue Aspekte ihres künstlerischen Konzepts. Das Versal-A tritt als sprachliches Zeichen etwas zurück, doch bestimmt es unabhängig davon als kompositorische Grundform dennoch die Bildstruktur. Im Unterschied zu den klar abgegrenzten Bildern in Acryl geht es der Künstlerin bei ihren Bleistiftzeichnungen vor allem um den Übergang von Sichtbarem ins Offene des Umraums. Das A, losgelöst von seiner Funktion, ist formal von größter Variabilität. Durch die Signifikanz seiner Konstruktion eignet es sich in besonderer Weise als Thema für Veränderungen. Die Entfernung von der ursprünglichen Form bestimmt die Qualität der Werke von Maria Vill.

Charakteristisch für die Zeichnung ist die Verfremdung des Buchstabens bis zur Verselbstständigung der Strukturen. Zu den konstitutiven Eigenschaften des konventionellen Zeichens für den ersten Buchstaben des Alphabets gehören die pyramidale Form und im Kontrast dazu der Querbalken. In manchen Zeichnungen Vills gibt es davon nur noch Anklänge, Fragmente und Schatten. Verlassen wird die sprachliche Funktion des Zeichens, hervorgehoben wird die künstlerisch relevante Struktur der Form durch Akzentuierung von Details und durch Weglassen wesentlicher Teile des Buchstabes. Dieser setzt sich nicht von der Fläche ab, sondern wird eins mit dem Bildraum. Zum Verständnis der künstlerischen Intentionen Maria Vills ist gerade dieser Umstand wichtig. Die Entgrenzung des Sichtbaren ins Unendliche korrespondiert mit der kristallinen Form des Buchstabens.

Die Voraussetzungen dieser Zeichnungen zielen auf Immaterialität. Die Wirklichkeit des leeren Raums wird erfasst erst durch die Zurücknahme und das Verschwinden des in zartesten Schraffuren Wahrnehmbaren, aber nicht abstrakt, sondern in jeweils in bestimmten unaustauschbaren Formen, die sich auf den Anfang des Alphabets beziehen. Das durch Konventionen geprägte Zeichen, das für besondere Inhalte auch alleine stehen könnte, im allgemeinen aber nur in der Reihung mit anderen Schriftzeichen, je nach der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Sprache komplexe Informationen vermittelt, ist in wechselnder Deutlichkeit präsent. Selbst dort, wo es ohne Kontext kaum mehr zu erkennen ist, verweist die Struktur doch auf die Herkunft des Buchstabens. Dies unterscheidet die Zeichnungen und Bilder der Künstlerin von gegenstandslosen Arbeiten, die sich nur auf bildimmanente Farben, Tonwerte und Proportionen beziehen.

Das Prinzip der Variation, auf das sich alle Arbeiten von Maria Vill zurückführen lassen, erscheint als Auseinandersetzung und Integration von Ähnlichem, Gleichem und Unterschiedlichem. Das eine ist im anderen enthalten. Angesprochen wird damit die kategoriale Rezeption von Welt überhaupt, dass Dinge sich unterscheiden, partiell aber gleich sind. Die Reduktion in den Zeichnungen Vills ist eine Überhöhung des Sichtbaren durch das Allgemeine. Der Künstlerin geht es nicht um Erzählerisches, sondern um elementare Strukturen des Sichtbaren, um die Unabgegrenztheit des Raumes und eine Form, die auch sprachliches Zeichen sein kann.

 

Franz Mölk

Malerei verwandelt den Raum in Zeit,
Musik die Zeit in Raum

Hugo von Hoffmannsthal

A-INTERVALLE

A als Zeichen eines Systems ist für sich stehend noch nicht bedeutungs- bzw. wortbildend,
es befindet sich in einem Zwischenraum, einem Freiraum für sprachlose Momente,
in denen noch alles offen ist.
Wie in Intervallen formen sich unterschiedlichste Bilder.
Teile schieben sich ineinander wie aufeinanderfolgende Töne,
andere überlagern sich und erscheinen als ruhige oder unruhige Zusammenklänge.
Manche tauchen auf, andere verschwinden im Hintergrund.
Es ist ein lauter und leiser werden der Töne in Bildern von Bewegung und Ruhe.